Dörrenberg Edelstahl setzt auf ein integriertes Informationssystem
Februar 1999
Gerd Böhner, Prokurist, Leiter
Rechnungswesen/ Martin A. Hüholt, Prokurist, IAS GmbH
Datenverarbeitung, Dörrenberg GmbH
Die Dörrenberg Edelstahl GmbH ist ein
modernes, leistungsfähiges Mittelstandsunternehmen, das schnell
und flexibel auf die Anforderungen seiner Kunden reagieren
muss. Aus diesem Grund betrachtet man bei Dörrenberg sich
verändernde Situationen, wie zum Beispiel die vehemente Globalisierung
des Marktes und einen daraus zunehmenden Konkurrenzdruck als
große Chance, seine Kunden durch die Leistungsfähigkeit eines
modernen, zukunftsorientierten Unternehmens überzeugen zu
können. In einem leistungsfähigen integrierten Informationssystem
sieht Dörrenberg die Voraussetzung, um den Anforderungen des
Marktes begegnen zu können.
Das Unternehmen
Die Dörrenberg Edelstahl GmbH in Engelskirchen steht seit
mehr als 300 Jahren für Eisen und Stahl aus dem Oberbergischen.
Im Laufe der Jahre wurde der Name mehr und mehr zu einem Begriff
für Leistungsfähigkeit, Innovation und Qualität. Bereits 1928
lief Deutschlands erster Induktionsofen an.
Heute präsentiert sich Dörrenberg Edelstahl als eine gesunde
Mischung aus Tradition und Innovation, als moderner, leistungsfähiger
Mittelständler, der schnell und flexibel auf den Markt reagieren
kann. Mit den Geschäftsbereichen Edelstahl, Oberflächentechnik,
Feinguss, Formguss und Schmiedeblöcke ist Dörrenberg heute
ein Unternehmen, das die Weichen für die Zukunft gestellt
hat. Der Gang an die Börse mit der Muttergesellschaft GESCO
im Jahre 1998 war eine logische Schlussfolgerung für das expandierende
Unternehmen.
Um weiterhin leistungsfähig zu sein, wurde eine komplette
Reorganisation der EDV-Landschaft unabdingbar. Die bestehende,
unter BS-2000 laufende Lösung IS der SNI, sollte durch ein
modernes, integriertes ERP-Paket (ERP - Enterprise Resource
Planning) abgelöst werden, das PPS-Funktionalitäten ebenso
Das ERP-Softwaresystem
An ein ERP-Softwaresystem, zur Abbildung der Geschäftsprozesse
in dem modernen Unternehmen, werden durch die konsequente
Nutzung dieser Chance, äußerst hohe Anforderungen gestellt,
da es das gesamte Unternehmen widerspiegelt.
Das "Altsystem" genügte diesen organisatorischen
Anforderungen bei Dörrenberg nicht mehr. Da es zudem nicht
"Jahr-2000- und Euro-fähig" war, musste man sich
nach einem neuen ERP-System umsehen.
Als Anfang 97 in einer Vorstudie einschlägige Softwarepakete
verglichen wurden, zeigten sich sehr schnell erhebliche Technologieunterschiede.
Oft scheiterten die Systeme an den Anforderungen, einerseits
ein Standardpaket zu sein, andererseits jedoch die branchenspezifischen
Besonderheiten abbilden zu können.
Nach einer intensiven Evaluierung von ca. 20 Systemen konnte
sich die ERP-Standardsoftware der Industrial Application Software
GmbH IAS durchsetzen. Eine kurze Einführungszeit und die -
bei IAS an oberster Stelle stehende - Kundenorientierung erleichterte
Dörrenberg letztendlich die Entscheidung.
Ein großer Vorteil der IAS-Standardsoftware besteht darin,
die in ihrer Aufgabenstellung sehr verschiedenen Geschäftsbereiche
Edelstahl, Oberflächentechnik, Feinguss, Formguss und Schmiedeblöcke
bei Dörrenberg differenziert aber integriert abdecken zu können.
Ein weiteres Entscheidungskriterium, das für die IAS-Standardsoftware
sprach, war der Umstand, dass IAS den vollständigen Sourcecode
in Verbindung mit den Entwicklungstools "IAS-Troia"
ausliefert. Man konnte sich bereits in der Auswahlphase davon
überzeugen, dass diese Tools ganz hervorragende Möglichkeiten
bieten, selbst individuelle Dialoge zu generieren, Listen
anzupassen und "Add-Ons" zu entwickeln - selbstverständlich
ohne die Releasefähigkeit zu gefährden.
Als Plattform für die derzeit 120 User dient ein Windows NT-Server
mit MS-SQL-Server 6.5. Der Server ist mit zwei Intel Pentium
II-Prozessoren, 512 MB Arbeitsspeicher und einer 30 GB RAID-5
Plattenspeicher ausgestattet. Die Taktfrequenz beträgt 400
MHz. Als Clients fungieren sowohl Windows 95, als auch Windows
NT-PCs, ab 32 MB Arbeitsspeicher.
Anforderungen an die ERP-Software
Die bei Dörrenberg realisierte ERP-Lösung hatte eine Reihe
von Anforderungen zu erfüllen, die im folgenden schlaglichtartig
skizziert werden.
Heterogene Unternehmensstruktur
Das spezielle Know-How aus den diversen Geschäftsfeldern musste
in die neue Software-Lösung eingebracht werden. Völlig unterschiedliche
Produktionsabläufe, z.B. aus der Gießerei, Oberflächenbehandlung,
Edelstahlbe- und verarbeitung, sollten mit einer Software,
mit einer Installation abgebildet werden. Altdatenübernahme
Vielfältige Daten aus allen Produktions- und Geschäftsbereichen
wurden in die gemeinsame neue SQL-Server-DB übernommen.
Technische Parameter in Stammdaten und Belegen Die Materialstammdaten
wurden um geschäftsbereichsspezifische Datensegmente mit technischen
Parametern der Produktionsprozesse erweitert. Die Belege wurden
ebenfalls erweitert, somit sind die Zusatzdaten nun im gesamten
IAS-System nutzbar. Abbildung der vorhandenen Geschäftsbereiche
in Grunddaten und Buchhaltung. Obwohl in einem integrierten
System gearbeitet wird, kann man den Kunden-/Lieferantenstamm,
den gesamten Einkauf oder Vertrieb, getrennt nach den Geschäftsbereichen
bearbeiten und verwalten. Gemeinsame Daten (z.B. Adressen)
stehen aber allen Bereichen gemeinsam zur Verfügung.
Belegfluß-Reports und frei definierbare Queries erhöhen die
Business-Transparenz für den Anwender Es gibt zwei generelle
Typen von Auswertungen. Einmal sind die Auswertungen und die
dazugehörigen Ausdrucke in vielfachen abteilungsspezifischen
Varianten hinterlegt, jede Abteilung kann so die nur für sie
relevanten, individuellen Daten ausdrucken. Zum anderen kann
sich jeder Anwender mit Hilfe der Standard-Query-Transaktion
eigene Abfragen definieren und damit Ad-Hoc-Auswertungen vornehmen.
Preisberechnung unter Verwendung von technischen Parametern
und speziellen Berechnungsformeln Formeln in IASQL sind in
Prüftabellen hinterlegt und dort modifizierbar und frei wählbar.
Feste Codierung auf Spezialisten-Niveau wird so vermieden.
Die Formeln können von einem versierten Anwender selbst gepflegt
werden.
Generische Fertigungsaufträge in der Oberflächentechnik Die
Fertigungsaufträge werden aus allgemeinen Arbeitsplänen erzeugt
und mit technischen Daten aus den Vertriebsdokumenten ergänzt.
Vermeidung von übermäßigem Erfassungsaufwand bei vollständiger
Verfolgung der Materialflüsse. Die Produktionssteuerung wurde
in den Geschäftsbereichen unterschiedlich stark an den Vertrieb
gekoppelt. Hier reicht das Spektrum von der klassischen MRP
bis zur direkten Erzeugung von Fertigungsaufträgen aus dem
Vertrieb heraus.
Nicht lineare Mengen- und Zeitberechnung bei der Fertigung von Feingussteilen
Bei einigen Arbeitsschritten werden die Artikeln in Trauben
bearbeitet und die Sollzeiten und Sollmengen für die Fertigung
automatisch mit Hilfe von Formeln berechnet.
Verwaltung von Kreislaufmaterial und Schrotten in verschiedenen
Güteklassen Materialstämme für Reststücke werden bei der Rückmeldung
von Arbeitsgängen automatisch generiert und gespeichert. Die
Schrottmenge wird automatisch berechnet und den Lagerbeständen
zugebucht.
Berücksichtigung von Legierungszuschlägen
Legierungszuschläge werden mit Hilfe von Formeln und Preistabellen
berechnet. Detaillierte Schmelzkostenabrechnung mit Verfolgung
der Einsatzstoffe in der Schmelzkostenabrechnung werden alle
relevanten Daten eines Schmelzvorgangs erfasst und für die
Materialverfolgung genutzt.
Chargenverfolgung Schmelzaufträge werden mit Chargennummern
versehen und den verbrauchenden Produktions- oder Vertriebsaufträgen
zugeordnet.
Pilotprojekt "Oberflächentechnik"
Der Startschuss für das ERP-Projekt bei Dörrenberg fiel im
September 1997. Als geeigneter Bereich für das Pilotprojekt
im Hause Dörrenberg wurde der Geschäftsbereich Oberflächentechnik
gewählt. Hier sollten die Fähigkeiten des Produktes und die
Arbeitsweise der Projektmannschaft auf die Probe gestellt
werden.
Eine entscheidende Aufgabe dieses Pilotprojektes war die Evaluierung
der IAS Entwicklungsumgebung Troia. Deren objektorientierte
Werkzeuge sollten es möglich machen, einerseits alle spezifischen
Anforderungen releasefähig umzusetzen, andererseits die IAS-Standardfunktionen
zu erhalten. Ziel war es, den vorgegebenen Kostenrahmen einzuhalten,
und den zukünftigen Wartungsaufwand der Spezialprogrammierungen
gering zu halten.
Diese Forderungen wurden auch tatsächlich erfüllt. Durch die
Fähigkeiten zur Vererbung von Methoden zwischen Klassen über
mehrere Ebenen hinweg, konnten die benötigten Modifikationen
in sehr feiner Granularität überlagert werden. So ist die
Wahrscheinlichkeit, dass eine überlagerte Funktion in Releasewechseln
verändert wird, äußerst gering. Dialoge sind ebenfalls überlagerbar.
Hier wurden Wege gefunden, die Änderungen sehr dediziert auszuführen.
Die Code-Historie und die Code-Suchfunktion von Troia erleichtern
das Auffinden der modifizierten Funktionen. Die Releasefähigkeit
der Anpassungen hat sich bereits in zwei Minor-Release-Wechseln
bewährt.
Eine weitere Aufgabe war die Feststellung der Termin- und
Kostentreue im Projektverlauf. Der Projektplan wurde bis auf
eine geringe Überschreitung von ca. 10% eingehalten. Dieser
Erfolg wurde auch durch den enthusiastischen Einsatz der dörrenbergschen
EDV-Mitarbeiter möglich, die schon nach zwei Wochen Coaching
die Programmiersprache IASQL und die Entwicklungsumgebung
Troia soweit beherrschten, dass sie erste eigene Transaktionen
entwickeln konnten, die auch heute noch in der selben Form
im Einsatz sind.
Im Bereich Oberflächentechnik werden Kundenwerkzeuge beschichtet
und warmbehandelt. Da diese Werkstücke meist nur einmalig
in Erscheinung treten, ist es nicht sinnvoll, ihre Eigenschaften
in einem Materialstamm abzulegen. Verkauft wird die Dienstleistung.
Der Preis berechnet sich nicht aus "Artikelpreis x Menge",
sondern in Abhängigkeit von verschiedenen geometrischen und
verfahrenstechnischen Parametern mit Hilfe von IAS-Formeln,
die wiederum auf spezielle Preistabellen zugreifen. Hierzu
wurden die Preisfindungsfunktionen mit entsprechenden Überlagerungen
versehen.
Bereits im Pilotprojekt wurde das Geschäftsbereichskonzept
realisiert. Dies bedeutete aus EDV-Sicht das Hinzufügen eines
Schlüsselfeldes in eine Vielzahl systemweit genutzter Tabellen.
Diese Anforderung konnte trotz ihrer Komplexität schnell realisiert
werden und wurde mittlerweile auch in den IAS-Standard übernommen.
Folgeprojekt "Edelstahl"
Im Anschluss an das erfolgreich abgeschlossene Pilotprojekt
wurden zunächst die Grob- und Feinkonzepte der folgenden Teilprojekte
erarbeitet. Für den Bereich Edelstahl wurden diverse Spezialkonzepte
realisiert.
So ist hier der Vertrieb aufs Engste mit der Fertigung verzahnt.
Der gesamte Geschäftsvorfall orientiert sich an der Auftragsbestätigung.
Die Fertigungsaufträge spielen eine untergeordnete Rolle.
Dieses Szenario wird dadurch unterstützt, dass Fertigungsaufträge
automatisch beim Buchen von Vertriebsaufträgen generiert werden,
jeweils ein Fertigungsauftrag zu jeder Vertriebsbelegsposition.
Die sonst übliche Entkopplung durch die Disposition entfällt.
Durch die dynamische Bestandskontrolle können Aufträge bereits
eingelastet werden, sobald die Deckung zum geplanten Lieferzeitpunkt
gewährleistet ist. Eingehende Zukaufteile werden mit den wartenden
Fertigungsaufträgen abgeglichen und diesen sofort zugewiesen.
Angesichts der hochwertigen Materialien war eine effektive
Verwaltung von Reststücken und Schrotten notwendig. Materialstämme
für Reststücke werden bei der Rückmeldung von Arbeitsgängen
automatisch vom Einsatzmaterial abgeleitet und mit allen relevanten
technischen Daten gespeichert. Die Schrottmenge wird automatisch
berechnet und den Lagerbeständen zugebucht. Entstehender Schrott
wird so nach Güteklassen getrennt verwaltet und kann später
weiterverwendet werden. Hierfür wurde das Konzept für Kuppelprodukte
aus dem IAS-Standard-Funktionsumfang verwendet.
Folgeprojekt "Guß, Feinguß, Blockstahl, Einkauf"
Nach den guten Erfahrungen aus den ersten Projektstufen wurde
nun mit den Bereichen Guss, Feinguss, Schmiedeblöcke und Einkauf
der größte Schritt in Angriff genommen.
Für die Verwaltung der Werkstoffe mit ihren vielfältigen chemischen
und verfahrenstechnischen Attributen, wurde das Materialklassensystem
der IAS-Software verwendet. Hier können beliebige Zusatzattribute
zu Materialstämmen abgelegt werden. Zur Suche von Werkstoffen
wird heute die IAS- Sachmerkmalsleiste verwendet. Einige Standardfeatures
des Rückmeldewesens waren für die Geschäftsbereiche der Gießereitechnik
besonders vorteilhaft. So können außer den Standardparametern
wie Maschinen-, Personal- und Rüstzeit, Menge, Ausschuss-
und Nachbearbeitungsmenge (die automatisch in ein Sperrlager
gebucht wird), bis zu drei zusätzliche, frei definierbare
Parameter zurückgemeldet werden. Außerdem können beliebig
viele Endprodukte (Kuppelprodukte) erzeugt und zurückgemeldet
werden. Durch das offene Kalkulationsschema und IASQL-Formeln
wurde die Kalkulation des Kostenaufbaus von Gussteilen erst
möglich. Die Produktkalkulation bezieht durch die Verwendung
dynamischer Formeln auch Kreislaufmaterial und Legierungskosten
mit ein.
Folgeprojekt "Buchhaltung, Qualitätskontrolle, Technik und Geschäftsleitung"
Für die Dörrenberg Buchhaltung war die nahtlose Integration
des Buchhaltungs-Moduls in die Geschäftsabläufe der Logistik
von besonderer Bedeutung. So werden die ausgehenden Rechnungen
sofort oder im Stapel an die Debitorenbuchhaltung weitergeleitet.
Ebenso werden die Eingangsrechnungen aus der Rechnungsprüfung
an die Kreditorenbuchhaltung übergeben. Die geschäftsprozessorientierten
Transaktionen bilden die Prozesskette optimal ab und gewährleisten
so die gewohnte, effektive Arbeitsweise. Frei gestaltbare
betriebswirtschaftliche Auswertungen (Bilanzen/ GuV) decken
alle Vorgaben ab. Besondere Anforderungen an Druckdokumenten
(Mahnschreiben, OP-Listen, Kontenblätter, etc.) wurden mit
Hilfe von Troia umgesetzt. Die Fakturierung kann wahlweise
in Euro oder D-Mark vorgenommen werden, ebenso die Zahlungseingänge.
Auch das Buchen in echten Fremdwährungen (US-$, Engl.-£, etc.)
ist möglich. In allen Belegen werden die Beträge in Hauswährung,
Euro und Belegwährung zusammen mit den nötigen Umrechnungskursen
gespeichert. OP-Listen, Journale und Kontenblätter können
wahlweise in Euro oder D-Mark gedruckt werden. Im Bereich
Buchhaltung sind jetzt etwa 15 IAS-Anwender tätig. Im Bereich
Gießereitechnik sind etwa 60, im Bereich Edelstahl 25 und
im Bereich Oberflächentechnik 20 IAS-Anwender tätig.
Schulungen
Das Projekt Dörrenberg/IAS war eine Herausforderung für alle
Beteiligten, weil es beinahe alle Anforderungen enthielt,
wie sie auch bei der Einführung eines ERP-Systems in 5 unterschiedlichen
Unternehmen aufgetreten wären. Dies konnte nur gelingen, weil
die Mitarbeiter in die Aufgabe miteinbezogen wurden. So waren
die Programmierer der Dörrenberg-EDV schon nach 2 Wochen in
die Entwicklungsarbeiten integriert. Umfangreiche Anwender-Schulungen
wurden durch die EDV-Abteilung im Hause Dörrenberg organisiert
und durchgeführt. Diese fanden auf einer Schulungsdatenbank
mit Originaldaten statt, waren abteilungsweise in kleinen
Gruppen organisiert und dienten auch als Forum für Verbesserungsvorschläge
der Key-User. Mit einer Konsolidierungsphase und einigen abschließenden
Teilaufgaben geht das Projekt nun zu Ende. Die informelle,
dynamische Arbeitsweise und die gute Kommunikation im Team
waren der Schlüssel zum Erfolg.